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Leben & Lifestyle

„Berge versetzen“ 

— Rente ist „eine Vorstellung, die mir nie vorgeschwebt hat“: Reinhold Messner fühlt sich zu jung dafür – und sagt im Gespräch mit Forum, welche kleinen Abenteuer er in seinem Leben noch wagen will.

Interview: Stefan Wimmer | Aus FORUM 1/2009

Fotografie: Andreas H. Bitesnich

Für MLP-Kunden werden Sie Vorträge unter dem Titel „Berge versetzen – Das Credo eines Grenzgängers“ halten. Gibt es denn Zusammenhänge zwischen Grenzunternehmungen und Unternehmertum?
Messner: Die Verzahnung Wirtschaft und Abenteuer ist sehr interessant. Man kann vieles von dem, was in der Wirtschaft oder auch in der Logistik eines Unternehmens stattfindet, aus dem Grenzgängertum erklären, weil in der Wildnis alles archaisch abläuft. Leadership funktioniert so wie in der Eiger Nordwand. Motivation funktioniert genauso wie für Kletterer, die sich über Jahre auf eine Tour vorbereiten.

Verraten Sie auf Vorträgen Motivationskniffe?
Messner: Die Motivation kann man nicht kaufen, sie ist kein Konsumgut. Man kann sie also nicht von jemand kriegen. Das glauben nur Motivationstrainer. Wenn Menschen sich mit einem Projekt vollständig identifizieren, wächst ihnen die Motivation zu.

Menschen, die sehr erfolgreich in der Wirtschaft, in der Kunst sind, beschäftigen sich beim Einschlafen und beim Aufwachen mit ihren Sachen. Nicht etwa weil sie müssen, sondern weil sie sich damit identifizieren.

Die Wirtschaft bedient sich ja gerne der Bergsteigersprache: Talsohle, Aufstieg, Gipfel, Seilschaft…
Messner: Das Bergsteigen, wenn man es als große Bewegung sieht, ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. In der ersten Phase ging es um die Eroberung der Berge. Das war in der Zeit, in der auch die Kolonien erobert wurden. Die nächste Phase war der „Schwierigkeitsalpinismus“. Es war völlig egal, ob man zum Gipfel kam. Wer den schwierigsten Weg geklettert hat und heil herunter kam, war erfolgreich. Die nächste Phase war der „Verzichtsalpinismus“.

Wir haben bewusst auf Technologie verzichtet, Reduktion auf das Wesentliche und Kostenwahrheit waren wichtig. Heute leben wir im Pistenalpinismus, einer Konsumform. Heute werden die Wege, die früher schwierig waren, präpariert für Massenaufstiege – und die kann man buchen. Gefahren und Exposition werden herausgenommen. Die Bergsteiger werden geführt, geschoben, gezogen, mit Sauerstoff und in kleinen Hüttchen versorgt. Es geht um gekauftes Prestige.

Und das ist Ihnen ein Dorn im Auge?
Messner: Es ist nicht besser oder schlechter, es ist ein völlig anderer Zugang zur Welt. Und dieser Konsumalpinismus spiegelt sich in der Gesellschaft wider. Die Amerikaner haben ihre Budgets überzogen in der Hoffnung darauf, in drei Jahren zu verdienen, was sie heute ausgeben. Im Moment gilt das Wachstumsprinzip: Es ist alles da! Wir können in Urlaub fahren – ohne Geld –, ein Auto kaufen – ohne Geld. Alles wird in unserem Wohlfahrtsstaat, der ja wächst und wächst, immer mehr. Aber bald wird nichts mehr da sein.

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