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Kapitalismus 3.0 

— Warum Krisen den Fortschritt befördern können: Forscher und Visionär Matthias Horx über die Zukunft unseres Wirtschaftssystems.

von Matthias Horx

Fotografie: Klaus Vyhnalek

Es ist kaum ein Jahr her, als von vielen Menschen – und den Medien sowieso – die große Systemfrage gestellt wurde. „Hat der Kapitalismus abgewirtschaftet?“, so die (suggestive) Schlagzeile. Versprochen und beschworen wurde die „schlimmste Wirtschaftskrise seit 100 Jahren“, „ein Zusammenbruch der wirtschaftlichen Ordnung!“ oder „das Ende des weltweiten Kapitalismus!“. Auch heute bleibt die Stimmung eher düster, von Unsicherheit geprägt. Aber es mischen sich auch neue Töne in die Angstdebatte.

Der „Kapitalismus“ hat, so die nüchterne Bilanz, sich flexibler erwiesen als seine ideologischen Kritiker behaupteten. Die Globalisierung ist nicht nur ein weltweites Ausbeutungsverhältnis, sie hat auch staatenübergreifende Kooperationen hervorgebracht, die in der Krise erstaunlich gut funktioniert haben.

Könnte es so sein wie im richtigen Leben? Krisen sind zwar stressvoll, sie machen Angst. Aber wenn wir sie annehmen – und ihre innere Botschaft verstehen –, bringen sie uns in unserem Leben voran. In der Wirtschaft können Krisen als Innovationsverstärker wirken – im Sinne der „kreativen Zerstörung“, von der Schumpeter sprach. Und in der gesellschaftspolitischen Debatte können Krisen alte Fragen neu stellen. Und neue Antworten provozieren.

Zunächst: Die Zukunft des Kapitalismus ist der Kapitalismus. Oder nennen wir es „Marktwirtschaft“: Kein anderes System vermag Freiheit und Prosperität gleichzeitig zu produzieren, Innovationen voranzutreiben, vielfältige Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen.

Keine andere Gesellschaftsordnung ist so variabel, lernfähig und dynamisch. Allerdings muss das Modell wie jedes Betriebssystem zyklisch immer wieder an neue Anforderungen angepasst werden. Etwa an die Globalisierung, neue Technologien, veränderte Umweltanforderungen oder an die sich wandelnden Wünsche der Menschen.

Kapitalismus 1.0: Das war im Wesentlichen die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung Millionen von Menschen in Bewegung versetzte, aus der Armut der ländlichen Räume entwurzelte und in den Fabriken zum Schuften brachte. Diese Urform des Kapitalismus erzeugte nach der Diktion von Max Weber ein „ehernes Gehäuse der Hörigkeit“.

Eine Kultur der „Lohnabhängigen“ entstand, in der die Ware Mensch wenig wert war: Heerscharen billiger Arbeitskräfte verdingten sich für praktisch jeden Stundenlohn, die Arbeit in den Fabriken war monoton und brachial, der Einzelne im Reich der Maschine austauschbar. Der Staat blieb eine Ordnungsmacht, die sich im Wesentlichen auf das Garantieren von Eigentumsrechten beschränkte und in diesem Sinne auch schon mal Streikende niederschoss. Dieses brachial einfache Modell können wir heute noch in manchen Schwellenländern beobachten.

Kapitalismus 2.0: Im 20. Jahrhundert wurde aus diesem groben Modell durch viele Katastrophen, Kämpfe und Einsichten der westliche Sozialstaat. Große staatliche Institutionen federten nun den Klassenkonflikt ab: Renten- und Gesundheitssystem, Arbeitsbehörden und Bildungssektor traten zwischen Kapitaleigner und Lohnabhängige.

Aus der öden Fabrikarbeit wurde eine moderne Dienstleistungswelt, der Lohnabhängige wandelte sich zum Bürger einer Zivilgesellschaft, schließlich zum aktiven Konsumenten. Dieses Modell war erfolgreich, hatte aber Schwächen. Es neigte dazu, dem Staat immer mehr Pflichten aufzubürden, und das Individuum „überzuverwalten“.

Die Abhängigkeiten, die die Fabrikwelt geschaffen hatte, wurden auf diese Weise nicht aufgelöst oder gemildert, sondern in immer neuen Bürokratien noch verhärtet. Die emanzipative Dynamik, die in manchen Phasen der Wirtschaftsentwicklung vorherrschte, erlahmte in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Der Fortschrittsgedanke, der mit dem Sozialstaat zusammenhing – durch die Linderung der existenziellen Not sollten Menschen in der Lage sein, ihr Leben besser zu gestalten, sich zu verwirklichen, den Wohlstand in Selbstbestimmung zu mehren – verblasste.

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