Auf dem Zenit
Noch nie hatten 40-Jährige so viel Leben vor sich wie heute. Doch wie kaum eine Generation vorher stehen sie auch im Mittelpunkt gesellschaftlicher Umbrüche. MEHR
von Stefan Wimmer
Der Ohrensessel wirkt wie eine Requisite aus einer poppigen Version von Star Trek. Eine Metallschale deren orangefarbenes Leder mit großen Aluminiumringen an der Lehne befestigt ist, so dass man hindurchschauen kann. Wolfgang Müller-Pietralla dreht den Stuhl zu sich und streicht über das nicht ganz faltenfreie Leder.
„So wirkt es lebendiger. Aber erklären Sie das mal einem Ingenieur, der glatt vernähte Autositze gewöhnt ist“, sagt er. Dann nestelt er an einem Reißverschlussmechanismus, mit dem der Bezug am Metallkorpus befestigt wurde. Und fügt hinzu: „Power-Point-Präsentationen sind schön und gut, aber nachhaltigere Impulse setzt man, wenn die Menschen persönlich betroffen sind.“
Müller-Pietralla ist der Mann, der Automobilingenieure betroffen macht. Er leitet die Abteilung Zukunftsforschung und Trendtransfer bei Volkswagen, wo über die Mobilität von Morgen nachgedacht wird, noch lange bevor es die Technologien dazu gibt. Und er konfrontiert die Ingenieure oft mit Erkenntnissen – oder manchmal auch nur Möbelstücken – die für sie aus einer anderen Welt stammen.
Aus einer, in der Autositze eben nicht vernäht sind oder in Schienen gleiten. Und bei der der Fahrer sich nicht am Sportlenkrad festkrallt und knackig herunterschaltend in die nächste Lücke im Kolonnenverkehr hechtet.
Trend- und Zukunftsforschung leisten sich große Unternehmen, um zu verstehen, wie ihre eigene Zukunft aussehen könnte, mit welchen Risiken sie künftig rechnen müssen und welche Chancen sie frühzeitig ergreifen sollten, um damit später Geld zu verdienen. Für Automobilkonzerne, die lange Entwicklungszyklen haben, ist eine Vorstellung der Zukunft unabdingbar.
Der Modulare Querbaukasten, kurz MQB, beispielsweise, die Plattform auf der künftig viele Modelle im Volkswagen-Konzern aufbauen, muss auch für Antriebskonzepte Raum bieten, die noch gar nicht entwickelt sind. „Fahrzeuge mit dem MQB werden noch 2035 fahren“, sagt Müller-Pietralla. Und Teil einer Zukunft sein, die wir heute vielleicht nur in Teilen erahnen können.
Denn DIE Zukunft gibt es nicht. Vielmehr sprechen Forscher wie Müller-Pietralla etwas irritierend im Plural: Zukünfte. Die Überalterung der Gesellschaft ist nicht schwer zu prognostizieren. Eine Zukunft ist sie deshalb noch lange nicht. Wird die Gesellschaft sich um alte Menschen kümmern? Werden sie wichtige Rollen einnehmen? Oder werden sie am Rande der Gesellschaft leben, mühsam versorgt mit einer minimalen Rente? Sind Menschen um die 70 im Jahr 2035 gebrechlich, weil das Gesundheitssystem kollabiert ist? Oder gehen sie surfen und haben noch 50 Lebensjahre vor sich? Für einen Automobilkonzern führen all diese Szenarien zu verschiedenen Handlungsempfehlungen. Hightech und Nachprüfbarkeit – das ist wichtig.
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